Literatur als ökonomische Ressource. Nachhaltigkeit in deutschen, französischen und norwegischen Wirtschaftsromanen. Eine Strukturanalyse.

Stipendiatin/Stipendiat: Nadine Redmer

Artensterben, Hungersnöte, Klimawandel - die Umwelt und mit ihr der Mensch sind bedroht und die Überschreitung ökologischer Grenzen ist längst mehr als ein fiktionales Schreckensszenario. Allgegenwärtig durchdringt der nicht-nachhaltige Umgang mit der Umwelt unseren Alltag und schlägt dabei weit über die Grenzen einzelner Wissenschaftsdisziplinen hinausgehende Wellen.

Als Spiegel der Gesellschaft greift Literatur seit jeher die großen gesellschaftlichen Debatten auf, denkt diese weiter und wirkt auf sie ein. So verwundert es nicht, dass die Gegenwartsliteratur auch im Angesicht der aktuellen Bedrohung von Mensch und Umwelt mit reichhaltigen Fiktionen auffährt. Dabei gehen Fragen nachhaltiger Entwicklung kontext- und themengebend in literarische Arbeiten des 21. Jahrhunderts ein. Deutsche Wirtschaftsromane wie Rückwind (Spinnen, 2019), ebenso wie französische ›fictions d’affaires‹ wie Sérotonine (Houellebecq, 2019) und das ›Literarische Klima-Quartett‹ aus Norwegen (Lunde, 2015-2019) können mit Blick auf das in ihnen exemplifizierte Wissen zur Nachhaltigkeitsproblematik gelesen werden.

Obschon zahlreiche Disziplinen im Streben nach Antworten auf die Umweltproblematik mobilisiert wurden, bleibt das der Gegenwartsliteratur innewohnende Potenzial bislang größtenteils außen vor. Dabei ist diese unerschöpfliche Ressource als Träger fiktionaler Empirie unbedingt beachtenswert. So kann Literatur experimentierend und frei von objektivem Erkenntnisinteresse das Verständnis für Umweltfragen ausbauen und zudem handlungslenkend auf Leser:innen einwirken.

Ausgehend von der skizzierten Beobachtung will das Forschungsvorhaben das Potenzial der Ressource Literatur für den Nachhaltigkeitsdiskurs freilegen. Hierzu werden die Möglichkeiten und Grenzen fiktionaler Empirie ausgelotet. Dies erfolgt über eine thematologische Annäherung an in deutschen, französischen und norwegischen Wirtschaftsromanen veranschaulichte tatsächliche Sachverhalte und Imaginationen zum Thema des nachhaltigen Wirtschaftens. Der Fokus soll dabei auf den in der Literatur dargestellten ökonomischen Subjekten liegen. Damit begegnet die Studie nicht nur einer zunehmenden Betonung des Individuums als Handlungsträger:in nachhaltiger Praktiken, sondern auch dem disziplinenübergreifend laut werdenden Ruf nach einem abstrakten Bild des Menschen, auf dessen Basis Erkenntnisse zu Ursachen und Lösungen der Nachhaltigkeitsproblematik gewonnen werden können. Den nachhaltigen Umgang mit Mensch und Umwelt ins Zentrum stellend, tritt das Vorhaben zugleich an, über die exemplarische Beschreibung und Analyse ausgewählter Wirtschaftsromane die Relevanz literarischer Einsichtnahme in komplexe globale Herausforderungen unserer Zeit zu unterstreichen.

Förderzeitraum:
01.07.2021 - 30.06.2024

Institut:
Universität Stuttgart
Institut für Literaturwissenschaft
Neuere Deutsche Literatur I

Betreuer:
Prof. Dr. Sandra Richter

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