ESD for 2030: The Future WE Want: Nachhaltigkeitsdilemmata und Umgang mit Unsicherheiten im Kontext einer lösungsorientierten Didaktik Ein Distance Learning-basiertes Aus- und Fortbildungskonzept
Projektdurchführung
Universität Münster
Institut für Didaktik der Geographie
Heisenbergstr. 2
48149 Münster
Zielsetzung und Anlass des Vorhabens
Das Schulfach Geographie als raumbezogene Mensch-Umwelt-Disziplin beschäftigt sich mit den großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts in unterschiedlichen Teilen der Welt (Verlust der Biodiversität, Klimawandel/-anpassung, Migration, Armut, demographischer Wandel, weltweite Pandemien,
). Traditionell verfolgt der Unterricht dabei einen problemlösungsorientierten Ansatz, indem mit dem Problem eingestiegen wird, dann die Ursachen und Folgen analysiert werden und erst am Ende mögliche Lösungsperspektiven eröffnet werden. Dies führt dazu, dass die Lösungs- bzw. Handlungsansätze vom zeitlichen Umfang her deutlich hinter der Problematisierung zurückstehen. Dieser Umstand wird im Zuge der transformativen Bildung bzw. von BNE 2/3 sowohl von der Wissenschaft als auch von der Praxis (Lehrkräfte und Schüler*innen) zunehmend beklagt, weil ein solcher Unterricht vor allem aufgrund der umfassenden Komplexität, der großen Unsicherheiten und den zahlreichen Dilemmata der globalen Herausforderungen Gefahr läuft, sich u. a. negativ auf die Motivation und die Selbstwirksamkeitserwartungen der Lernenden auszuwirken. In jüngerer Zeit wird daher der Ansatz einer konsequent lösungsorientierten Geographiedidaktik verstärkt diskutiert, der mit einer positiven Zukunftsvision beginnt und bereits bestehende positive Entwicklungen und Lösungsansätze in den Fokus des Unterrichtsvorhabens stellt.
siehe auch:
https://doinggeoandethics.com/nachhaltigkeitsdilemmata/
Der lösungsorientierte Ansatz (als Ergänzung, nicht als vollständiger Ersatz des problemlösungsorientierten Ansatzes) bietet großes Potenzial, BNE im Geographieunterricht in sehr grundlegender Weise konzeptionell weiterzuentwickeln und trifft dabei auf große Offenheit seitens der Lehrerschaft. Um diesen Wandel jedoch noch stärker anzustoßen und zu begleiten, braucht es weitere didaktisch-methodische Überlegungen zur Ausdifferenzierung des Konzepts sowie eine umfassende Disseminationsstrategie. Hier setzt das vorliegende Projekt an. Das Ziel des Projekts bestand darin, Unterrichtsmaterialien zum Umgang mit Nachhaltigkeitsdilemmata im Kontext einer lösungsorientierten Geographiedidaktik zu entwickeln, zu erproben und zu disseminieren.
Darstellung der Arbeitsschritte und der angewandten Methoden1. Entwicklung von an den Curricula angepassten Unterrichtsmodulen zum Umgang mit Nachhaltigkeitsdilemmata für die Unter-, Mittel- und Oberstufe nach dem Ansatz der lösungsorientierten Geographiedidaktik.
2. Pilotierung und Optimierung der Unterrichtsmodule an ausgewählten Schulen inkl. Erhebung von Schülermaterialien (Schülerlösungen, Transkripte von Unterrichtsgesprächen,
) für die weiteren Arbeitsschritte.
3. Konzeption von drei Lehrkräftehandreichungen zur lösungsorientierten Geographiedidaktik plus Entwicklung eines ergänzenden Internetauftritts (www.doinggeoandethics.com).
4. Fortbildung von Fachleitenden und Referendar*innen zum Umgang mit Nachhaltigkeitsdilemmata im Kontext einer lösungsorientierten Geographiedidaktik.
5. Fachdidaktische Dissemination durch wissenschaftliche Publikationen.
Ergebnisse und Diskussion
Drei Lehrkräftehandreichungen:
a) Saubere Meere für die Jahrgangsstufen 5 7 an Gymnasien, Mittel- und Realschulen
b) Nachhaltige Städte für die Jahrgangsstufen 8 10
c) Wasserverbrauch am Beispiel der Avocado für die Jahrgangsstufen 11 13
Abrufzahlen der Themenhefte im Ganzen zum Ausdruck: 6.166 (Stand 27.9.2024)
Internetseite mit Unterrichtsmaterialien, Erklärvideo, Hintergrundinformationen, vertiefenden didaktischen Reflexionen etc. mit über 68.000 Abrufen während der Projektlaufzeit (genaue Zahlen vgl. Grafiken in Zwischen- und Abschlussbericht). Die Zahl der Schüler*innen kann hier wie im Folgenden nicht angegeben werden, weil keine Zahlen vorliegen zum tatsächlichen Einsatz durch die fortgebildeten Lehrpersonen.
Fortbildungen für alle Fachleitenden/Seminarlehrkräfte in Bayern, NRW und Hessen sowie ausgewählte Lehrkräfte/Referendar*innen und Lehramtsstudierende:
a) Bayerischer Schulgeographentag Würzburg, 9.3.2023: ca. 50 Teilnehmende (Applis)
b) SchiLF (Schulinterne Lehrerfortbildung) Hans-Leinberger-Gymnasium Landshut, 15.3.2022: Geographiefachschaft und Geographieseminar: 19 Teilnehmende (Ulrich-Riedhammer)
c) SchiLF (Schulinterne Lehrerfortbildung) Christian-Ernst Gymnasium, 21.6.2022: Geographiefachschaft und Geographieseminar (Referendar*innen): 19 Teilnehmende (Ulrich-Riedhammer)
d) SchiLF (Schulinterne Lehrerfortbildung) Christian-Ernst Gymnasium, 21.6.2022: Pädagogikseminar (Referendar*innen): 16 Teilnehmende (Ulrich-Riedhammer)
e) Fränkische Schulentwicklungstage Online, 22.10.2022: 169 (Applis)
f) SchiLF (Schulinterne Lehrerfortbildung) Kaiser-Heinrich-Gymnasium, 10.12.2022: Geographiefachschaft: 12 Teilnehmende (Ulrich-Riedhammer)
g) Fachberatertagung Seminarausbildung in Bayern, 13.2.: 39 Teilnehmende (Applis)
h) Fortbildung der Fachleiter*innen der Bezirksregierungen Düsseldorf und Köln (= Rhein/Ruhr) im August 2022 (31 Teilnehmende)
i) Fachleiter*innen-Fortbildung Baden-Württemberg, 1.3.-3.3.2023 in Comburg (26 Teilnehmende)
j) Fortbildung der Fachleiter*innen und der Fachdezernent*innen der Bezirksregierungen Münster, Detmold und Arnsberg am 11. 8.2023 (22 Teilnehmende)
k) Fachleiter*innen Hessens, 17. 18.3.2021 in Weilburg (32 Teilnehmende)
l) Verbindliche Integration der lösungsorientierten Geographiedidaktik in die Studienordnung des Master of Education an der Universität Münster als Sitzung in der Vorlesung aktuelle Fragen der Geographiedidaktik und in Form eines Seminars transformative Bildung und Lösungsorientierung im Kontext einer BNE. Während des Projektzeitraums haben ca. 300 Lehramtsstudierende aller Schularten an diesen Veranstaltungen teilgenommen. Aufgrund der Verbindlichkeit in der Studienordnung kommen perspektivisch nach Projektende jährlich noch jeweils ca. 100 Studierende hinzu.
Begleitforschung: Während der Erprobung der Unterrichtsmaterialien in Schulen wurden Schülermaterialien erhoben und Interviews mit Lehrkräften durchgeführt, die im Nachgang des Projekts im Rahmen einer Habilitation gegenwärtig unter dem Fokus Chancen und Grenzen einer lösungsorientierten Geographiedidaktik analysiert werden.
Öffentlichkeitsarbeit und Präsentation
Publikationen:
- Applis, S., Mehren, R. & Ulrich-Riedhammer E.M. (2022). Lösungsorientierter Geographieunterricht. Der Bayerische Schulgeograph, 90(43), 16-20.
- Applis, S., Mehren, R. & Ulrich-Riedhammer E.M. (2022). Nachhaltigkeit und Ethisches Lernen im Kontext einer lösungsorientierten Didaktik. In M. Dickel, G. Gudat & J. Laub (Hg.), Ethik für die Geographiedidaktik. Orientierungen in Forschung und Praxis (107-128). Bielefeld: transcript.
- Applis, S., Mehren, R. & Ulrich-Riedhammer E.M. (2022). Saubere Meere. The Future we want. Lösungsorientierte Unterrichtseinheit für den Geographieunterricht der Jahrgangsstufen 5 7. Münster: Selbstverlag.
- Applis, S., Mehren, R. & Ulrich-Riedhammer E.M. (2024). Wasserknappheit in Chile. The Future we want. Lösungsorientierte Unterrichtseinheit für den Geographieunterricht der Jahrgangsstufen 11 - 13. Münster: Selbstverlag.
- Applis, S., Mehren, R. & Ulrich-Riedhammer E.M. (2022). Saubere Meere. The Future we want. Lösungsorientierte Unterrichtseinheit für den Geographieunterricht der Jahrgangsstufen 5 7. Münster: Selbstverlag.
- Applis, S., Mehren, R. & Ulrich-Riedhammer E.M. (2024). Integration der doppelten Komplexität in einen lösungsorientierten Ansatz. In A. Rempfler et al. (Hg.), Komplexität und Systemisches Denken im Geographieunterricht (170 -184). Geographiedidaktische Forschungen. Norderstedt: BoD.
Internetseiten
- www.doinggeoandethics.com > The Future we want
- www.uni-muenster.de/Geographiedidaktik/schule > Unterrichtsmaterial > Lösungsorientierung
Literatur
Hoffmann, Th. (2021): Globale Herausforderungen und SDGs ein strikt lösungsorientierter Unterrichtsansatz. In: Eberth A./Meyer C. (Hrsg.): Didaktische Ansätze und Bildungsangebote zu den Sustainable Developments Goals. (Hannoversche Materialien zur Didaktik der Geographie, Band 11, (S. 33 41.) Hannover.
Fazit
Praxis:
Der Ansatz der Behandlung von Nachhaltigkeitsdilemmata im Kontext einer lösungsorientierten Didaktik war für die meisten Fachleitungen/Seminarlehrkräfte, Lehrkräfte und Referendar*innen neu. Er stieß als Alternative zur klassischen Problemorientierung auf großes Interesse in allen drei Gruppen, wie die Aufrufzahlen eindrücklich belegen.
Der in diesem Projekt gewählte Disseminationsansatz über Open Educational Ressources (OER) und Fortbildungen von Multiplikator*innen in Form der Fachleiter*innen in drei großen Bundesländern, die wiederum ihre Referendar*innen ausbilden, hat zu einer weiten Verbreitung des Ansatzes in der Praxis geführt. Als Beispiel einer durch das Projekt kreierten Nachfrage kann der Umstand angeführt werden, dass die großen Schulbuchverlage nach und nach diese Idee aufnehmen:
- Friedrichverlag:
https://www.friedrich-verlag.de/friedrich-plus/sekundarstufe/geographie/methodik-didaktik/globale-herausforderungen-als-thema-im-geographieunterricht-12405
- Westermann-Verlag:
https://diercke.de/sites/default/files/2023-06/Zukunftsfach%20Geographie%20-%20eine%20Verortung%20zwischen%20strikter%20L%C3%B6sungsorientierung%20und%20reflektierter%20Probleml%C3%B6sungsorientierung%20aus%20schulpraktischer%20Sicht.pdf
- Klett-Verlag:
https://gewi-im-unterricht.de/klett-symposium-geographie-meere-erforschen/
Dies (und der Umstand, dass viele fortgebildete Fachleiter*innen gleichzeitig auch Schulbuchautor*innen sind) lässt berechtigterweise hoffen, dass der Ansatz der Lösungsorientierung auch in zukünftigen Schulbuchgenerationen Eingang findet, was eine dauerhafte und flächendeckend umfassende Implementierung garantieren würde.
Forschung:
Das Projekt hat auch wichtige Impulse für die geographiedidaktische Forschung gegeben. Neben der laufenden Habilitation der Projektmitarbeiterin Eva Marie Ulrich-Riedhammer ist zurzeit auch ein Forschungsantrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in der Begutachtung, der in einem experimentell-empirischen Ansatz den problemlösungsorientierten und den strikt lösungsorientierten Unterricht in einem prä-post-follow up-Design in Bezug auf die Förderung kognitiver, affektiver und konativer Aspekte bei Schüler*innen vergleicht.
Darüber hinaus gab es auf dem diesjährigen Symposium des Hochschulverbandes für Geographiedidaktik (HGD) in Karlsruhe (
https://www.ph-karlsruhe.de/tagungen/hgd-symposium) sowohl einen Workshop Lösungsorientierung - wie geht das? als auch eine wissenschaftliche Session Von der Problem- zur Lösungsfokussierung, wo die Scientific Community intensiv um den Ansatz gerungen hat.
Insgesamt sind von diesem Projekt zahlreiche Impulse in Forschung und Praxis ausgegangen, die dafür sorgen, dass der Ansatz der strikt lösungsorientierten Didaktik konzeptionell zunehmend ausgeschärft wird und sich immer stärker in der schulischen Praxis verbreitet.